Vom Barock zum Plattenbau – Architektur der DDR

Diese Führung versteht die Architektur der DDR als Lesart der Ambitionen eines außergewöhnlichen Staates – kühn, widersprüchlich und ideologisch aufgeladen. Vom sowjetisch geprägten Monumentalstil über die industrielle Plattenbau-Moderne bis hin zur historisierenden Rekonstruktion entfaltet sich das Stadtgewebe Ost-Berlins als Ausdruck eines Systems, das sich immer wieder neu entwarf, umdeutete und dabei letztlich auch widersprach.

Statt Architektur lediglich als Instrument politischer Macht zu betrachten, nähert sich diese Tour ihr als kultureller Ausdrucksform – als Medium, in dem sich die politischen, ästhetischen und historischen Selbstentwürfe eines untergegangenen Staates ablesen lassen.

Von Kriegszerstörungen schwer gezeichnet, steht der Bebelplatz an Unter den Linden für die erste architektonische Ambition der DDR, das von Moskau übernommene Leitbild der „nationalen Tradition“ zu verwirklichen. Unter der Leitung von Richard Paulick wurden in den 1950er Jahren Bauten wie das Kronprinzenpalais und das Prinzessinnenpalaisrekonstruiert, ebenso die Staatsoper Unter den Linden. Dahinter steht mit der heutigen Barenboim-Said Akademie ein anachronistisches Kuriosum: Eine barocke Formensprache vertuscht, dass es sich um einen Neubau handelt, der historisch wirkt und doch ohne direktes Vorbild ist.

Das Staatsratsgebäude (1962–64) verdichtet diese Auseinandersetzung in einer prägnanten Geste. Mit dem Einbau des Portals, von dem Karl Liebknecht 1918 die sozialistische Republik proklamierte, verfolgt das Gebäude eine gezielte historische Linie und bindet politische Macht an eine selektiv gedeutete Vergangenheit.

Ein deutlicher Bruch vollzieht sich Anfang der 1960er Jahre, als die industrielle Moderne den monumentalen Klassizismus der vorherigen Dekade ablöst, sichtbar vor allem an der Karl-Marx-Allee und im entstehenden Stadtzentrum um den Alexanderplatz. Hermann Henselmann entwickelt mit Bauten wie dem Kino International (1961–63), dem Café Moskau (1961–64) sowie den Pavillonbauten eine offenere, leichtere Architektursprache, deren Vision einer modernen sozialistischen Metropole sich am Alltag orientiert.

Am Alexanderplatz selbst erhält diese Vision eine ausdrücklich repräsentative Form. Das Haus des Lehrers (1961–64) mit seinem umlaufenden Mosaikfries von Walter Womacka übersetzt Ideologie in Bild, während der Fernsehturm Berlin(1969) das Ensemble als Zeichen technischen Fortschritts und urbaner Größe überragt.

In den 1970er Jahren verschiebt eine sich zuspitzende Wohnungsfrage den Fokus hin zu Funktionalität und sozialer Infrastruktur. Die Rathauspassagen (1971–73) stehen exemplarisch für diese Phase: ein großmaßstäblicher, pragmatischer Komplex, der Wohnen, Versorgung und Dienstleistungen verbindet und in seiner Anlage an die Idee der Unité d’habitation von Le Corbusier erinnert, jedoch unter den Bedingungen zentralistischer Planung realisiert wird.

Mit dem Nikolaiviertel (1980–87) erfolgt schließlich eine erneute Wendung zur Geschichte. In einer bewusst inszenierten Rückkehr zur „Tradition“ sucht die DDR anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins nach kultureller Verankerung und Identität, rekonstruiert ein idealisiertes vormodernes Stadtbild und entwirft damit weniger Geschichte als deren erzählerische Form: eine architektonische Konstruktion von Kontinuität für einen Staat, der um seine eigene historische Einordnung ringt.

Sie möchten von mir spaziert werden?
Ich freue mich auf Ihre Nachricht:

Briefumschlag für Post und E-Mail
Nils Philipp Dommert ist bereit für die Tour