Mein braver Beitrag zu unserer Demokratie

An Haltestellen, Straßenrändern und Häuserwänden hängen seit einigen Wochen Plakate des Gesamtverbandes der Kommunikationsagenturen, die großbuchstäblich für Demokratie werben, und auch das aktuelle Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung lässt mich wissen, wie es im Lande um sie steht. In Heftmitte stellt sie mir – auf einer Doppelseite zum Herausnehmen und Aufhängen wie ein Fanposter der Bravo – die Frage: „Was habe ich letzte Woche für Demokratie getan?“ Sie fragt nicht, was die Demokratie für uns getan hat, noch was die gute Sache ist, die mit ihrer Hilfe erlangt werden soll, sie nimmt den Bürger in die Pflicht, sich Rechenschaft abzulegen vor seiner Rechtschaffenheit. Warum muss uns unsere Herrschaftsform schmackhaft gemacht werden? Bin ich verschworen, wenn ich Propaganda wittere?

Demokratie ist Mittel zum Zweck, und die Zwecke sind pluralistisch; von der Verbesserung des Lebens – wie die Armut ethisch drängt! – bis zum Austausch von Ideen, niemals aber sie selbst. Ihr Sinn besteht darin, jedem Einzelnen die Freiheit zu gewähren, seine Vorstellung von Würde kundzutun, ohne um seine Stellung fürchten zu müssen. Befriedung bilden Kompromisse. Nun ist die Pflege dieses Mittels ehrenwert, allein es wäre der wichtigen, stolzen, starken und um Himmels Willen bitte nicht wehrhaften Demokratie geholfen, wenn man mit ihr gemeinsame Interessen vertritt und die Träger fremder respektiert.

Geheiligte Mittel stinken nach Ideologie. Waren wir uns nicht bis vor Kurzem noch einig gewesen, was die Volksherrschaft zu leisten hat, nämlich die Freiheit der Rede zum Zwecke des akzeptablen Kompromisses? Stattdessen erscheinen diffuse Feindbilder – Horden von Stereotypen – als Scheinriesen am Horizont. Eilfertig erlassene Gesetze, überhebliche Moral und schamlose Zensur werden in Stellung gebracht, damit die Gefühle nicht verletzt werden. In dieser Ordnung der Vernunft erscheinen Empfindlichkeiten als der Weisheit letzter Schluss, denn wieso sonst wollte man den Mund verbieten?

Doch wir hegen alle gegen allerhand Arten von Leuten Vorurteile. Wir sind alle nicht gefeit davor, jemandes Gefühle zu verletzen oder in den unsrigen verletzt zu werden – sei es, wie es meist der Fall ist, unbeabsichtigt oder nicht. Wie halten wir es miteinander aus? Durch die Fähigkeit, persönliche Kränkungen zu überwinden, ohne sie zur allgemeinen Forderung zu machen. Stattdessen bezeugen wir die Perversion der universellen Idee, dass man all die Schuldgefühle und Wunden, die man sich aus Vorurteil und Kränkung zuzieht, hinter sich lassen darf im Tausch für die Vertretung gemeinsamer Interessen: Empfindlich sind wir, bis zum Pathos. Das Allgemeine zerfällt in tausend Spiegelsplitter, in denen sich jeder nur in seinem Leid erkennt. Mit den Scherben bedecken die Herrschenden ihren Eigennutz.

Ich bin den entwürdigenden Agens leid, der verbissen und mit erhobenem Zeigefinger die neue Welt verbessern will und die unsrige zu einem spaßfeindlichen aber empfindlich verminten Terrain erklärt. Ich bin bestürzt über die Ignoranz gönnerhafter Heuchelei, die unsere Gemeinsamkeiten nicht sieht sowie unsere Fähigkeit, uns gegenseitig zu tragen, wenn es Not tut. Moral ist blind für den Umstand, eilfertig den Halunken anzudienen. Am verächtlichsten sind aber eben jene: die Übeltäter, die zum Eigennutz Benachteiligte und Gekränkte missbrauchen und den Gedanken zu pervertieren, Herrschaft hieße Schutz.

Mündigkeit bedeutet, untereinander zu verhandeln, wie man sich respektvoll zueinander verhält. Verantwortung bedeutet, sich Pflichten und deren Versagen zu stellen. Ich möchte besonnene Menschen, die mich achtungsvoll und weitsichtig anführen und vor allem nicht naiv sein in diesem Wunsch. Auch möchte ich keine Vorurteile hegen (hin und wieder zum Genuss!) und trotzdem tue ich es. Niemandes Gefühle möchte ich verletzen und doch passiert es immer wieder. Daher möchte ich großzügig sein zu mir und Anderen, und jenen die Möglichkeit geben, es mir gleichzutun.

Falls noch einmal mein Beitrag zur Demokratie gefordert wird, das ist er. Der Rest ist Politik.